Die verstummte Elite
Veröffentlicht: 19. Januar 2012 Einsortiert unter: Wirtschaft | Tags: Ökonomie, Euro, Finanzkrise 5 Kommentare »ein Gastbeitrag von Julius Lerchenfeld
Die Finanzkrise ist nicht nur eine ökonomische Krise, eine Krise der Volkswirtschaften oder der Finanzmärkte oder der Währungen. Sie ist viel mehr. Die Finanzkrise ist eine intellektuelle Krise. Symbol des Versagens der ökonomischen Elite, die die Krise nicht zu kontrollieren, nicht zu beenden, eine entscheidende Lösung nicht zu nennen weiß. Die ihre Ratlosigkeit mit der Beispiellosigkeit der Krise zu begründen und zu entschuldigen versucht.
„Die Lösung dieser Krise lässt sich in keinem Lehrbuch nachschlagen.“
Diese Aussage des scheidenden Chefvolkswirts der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, markiert eine tiefe Zäsur: Das Eingeständnis des Scheiterns der akademischen Elite an den Herausforderungen der Finanzkrise. Ihre Implikationen verdienen darum besondere Beachtung: Erstens: Die Wissenschaft scheint nicht mehr imstande zu sein, nicht mehr die Kraft zu haben, eigene, neue Ideen zu entwickeln. Zweitens: Wenn sie, die Wissenschaft, dieser ihrer existentiellen Aufgabe nicht mehr nachzukommen weiß, warum beraten ihre Vertreter noch immer politische Entscheidungsträger? Drittens: Daraus folgt ein erheblicher Autoritätsverlust der Wissenschaftler.
Keynes – und jetzt?
Es erweckt das Eingeständnis Jürgen Starks darum den Eindruck, hätte Keynes angesichts der Erfahrung eines gesamtwirtschaftlichen Nachfrageausfalls in der Weltwirtschaftskrise nicht eine Politik des „deficit spending“ empfohlen, so wären die heutigen Ökonomen bereits vor drei Jahren an ihre Grenzen gestoßen. Diese Politik half, durch das Schnüren staatlicher Konjunkturpakete, die ökonomischen Folgen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft, vor allem aber auf den Arbeitsmarkt abzumildern. Finanziert wurden diese staatlichen Programme durch eine expansive Fiskalpolitik, also durch die Aufnahme neuer Schulden – die Ouvertüre zur Staatsschuldenkrise.
Lösungen dafür gibt es immer noch nicht, Ansätze aber umso mehr: Ausweitung staatlicher Rettungsmaßnahmen. Hebelung des Euro-Rettungsschirmes EFSF. Vorziehen des permanenten Rettungsschirmes ESM. Bankenlizenz für EFSF und ESM. Ausweitung des Kaufs von Staatsanleihen durch die EZB („Bazooka“). Festsetzung einer Zinsobergrenze für Staatsanleihen von Krisenländern durch die EZB. Einführung von gemeinschaftlichen Anleihen der Länder der Eurozone, sogenannte Euro-Bonds. Sparprogramme. Stärkere Regulierung durch den Staat. Finanztransaktionssteuer.
Aber woran orientieren sich diese Lösungsvorschläge? Etwa an ökonomischen Effizienzkriterien? Oder bloß an den Märkten? Bis zu welchem Grade genießt ökonomische Rationalität den Vorrang gegenüber den zunehmenden Problemen der Bevölkerungen in den Krisenländern der Eurozone? Wie sehr sind die Vorschläge der Ökonomen durch ganz eigennützige Motive bestimmt, zum Beispiel durch enge Verbindungen zu Bankhäusern, Unternehmen, Verbänden oder Gewerkschaften?
Wie sind Lösungsansätze von Ökonomen überhaupt einzuschätzen, die ihre Meinung von heute auf morgen ändern? Warnte Thomas Straubhaar vor drei Jahren angesichts einer expansiven Geld- und Fiskalpolitik vor einer zu erwartenden Inflation, so warnte er, nachdem diese Politik wirkungslos blieb, vor einer Deflation. Und er war es auch, der nach den Beschlüssen des EU-Gipfels im Oktober des letzten Jahres, wenn auch nicht vom Deck eines Flugzeugträgers, feierlich das Ende der Krise ausrief. Der an der Elite-Universität Oxford ausgebildete Ökonom Hans-Joachim Voth erklärte Mitte November letzten Jahres, es würde ihn nicht überraschen, „wenn die Währungsunion in den nächsten sechs Monaten platzt.“ Ein paar Wochen zuvor hätte er dem Euro noch fünf Jahre gegeben. Einen Monat später ist er aber wieder der Ansicht, dass es die Währungsunion in fünf Jahren noch geben werde, wenn auch anders konstelliert.
Wenn diese Krise ohne Lehrbuchbeispiel ist, warum dann nicht endlich auch nach Lösungen suchen, die in keinem Lehrbuch stehen? Lösungen, die neu und kühn sind? Warum beispielsweise wurde eine Insolvenz Griechenlands nicht durchgeführt? Warum denkt man nicht über eine Korrektur der festgeschriebenen Wechselkurse innerhalb des Euro-Regimes nach?
Mehr denn je frage ich mich, ob denn eine einheitliche Lösung überhaupt noch möglich ist, eine, die die Mehrheit der Ökonomen hinter sich weiß?
Kapitalismuskritik und Alternativen
Die intellektuelle Krise zeichnet sich zudem durch das unvermutete Zerwürfnis zwischen Ökonomen und Kapitalismus aus, die sich nicht mehr als dessen unbedingte Verteidiger zu verstehen scheinen und der aufflammenden romantischen Sehnsucht nach sozialistischen Korrekturen des Wirtschaftssystems nicht überzeugend entgegentreten. Die Aufgebrachten fordern sozialere Alternativen zum Kapitalismus, übersehen aber, dass die soziale Marktwirtschaft Ausdruck dieses tiefen Verlangens schon ist. Welche Alternativen sehen sie denn sonst? Ein Wirtschaftsmodell ohne Wachstum? Eine Subsistenzwirtschaft? Ein organisiertes Regime wie die von Walther Rathenau organisierte Kriegswirtschaft im Ersten Weltkrieg?
Nun ja, wer hätte gedacht, dass wir in dieser Frage tatsächlich weiter sind als in der Bewältigung der Schuldenkrise? Dass Marx das System, in dem wir jetzt leben, schon als Sozialismus bezeichnet hat? Als „konservativen“? Er schreibt darüber im Kommunistischen Manifest: „Ein Teil der Bourgeoisie wünscht den sozialen Mißständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Es gehören hierher Ökonomisten, Philantrophen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeits-Organisierer, Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeits-Vereinsstifter, Winkelreformer der buntscheckigen Art.“
Wie viele müssten sich darin wiedererkennen…
Kurz- oder langfristige Lösung?
Wie soll die Politik nun auf die Herausforderungen reagieren? Sie ist schließlich die entscheidende Instanz. Soll sie eine langfristige Lösung der Schuldenkrise anstreben? Oder soll sie kurzfristig Vertrauen der Märkte schaffen? Sodass dieselben Mechanismen der Krise immer weiter wirken können? Es wird wohl auf Letzteres hinauslaufen, folgt man Peter Bofinger, der als die zwei wichtigsten Ziele, die es in den nächsten Monaten anzustreben gelte, die Stabilisierung der Finanzmärkte sowie die Verhinderung einer konjunkturellen Abwärtsspirale nennt. Damit sieht sich hier der Staat zum ersten Mal bewusst in der Rolle eines börsennotierten Unternehmens, das über ein kurz- oder langfristiges Geschäftsmodell entscheiden muss, zwischen auszuschüttenden Dividenden an die Gläubiger oder Investitionen in die Zukunft, zwischen Ratingagenturen und Märkten auf der einen sowie der Bevölkerung auf der anderen Seite.
Stumme Ökonomen
Zahlen sind zu unseren neuen Worten geworden. Wirtschaftsleistung: Plus drei Prozent. Neuverschuldung des Staates: Im Rahmen der Maastricht-Kriterien. Arbeitslosenquote: Sieben Prozent. Exporte: Plus acht Prozent. Konsumausgaben: Plus anderthalb Prozent. Real. (Die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland im vergangenen Jahr.) Wir horchen auf, freuen uns, aller Kapitalismuskritik zum Trotz, wenn die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Löhne steigen.
Zahlen allein können jedoch keine Ideen formen. Sie allein können den Kapitalismus gegen seine Kritiker nicht verteidigen und meine Fragen nicht beantworten. Es bedarf dazu der Worte. Doch die Ökonomen sprechen diese Sprache nicht mehr. Wir verstehen sie darum nicht, empfinden sie als stumm, sie uns dagegen als taub oder ignorant. Sie haben nicht gelernt, Lösungen für tatsächlich existentielle Schwierigkeiten zu erdenken. Sie wissen keine Antwort auf die Herausforderungen dieser Zeit, wissen nicht, wie die Schuldenkrise kontrolliert, die europäische Gemeinschaftswährung gerettet werden kann – was nach Keynes kommt. Sie sind gescheitert! Es bleibt nur zu hoffen, dass die Antwort nicht erneut „Keynes“ lauten wird…
Der Historiker Fritz Stern sprach 1991 in einem Vortrag über Geniezeiten, die es in Deutschland gegeben habe. Als erste Geniezeit nannte er die Zeit des „Sturm und Drang“. Als zweite nannte er die Jahre von 1890 bis 1914, eine Zeit der Originalität, in der Naturwissenschaftler, Historiker, Künstler so große Erfolge in ihren Fächern errangen. Eine dritte Geniezeit wusste er nicht zu nennen. – Nun, diese Zeit ist es ganz bestimmt nicht!


[...] Zusammenfassung der bisherigen Debatte auf der Ökonomenstimme. http://themundi.wordpress.com/2012/01/19/die-verstummte-elite/ 22.01.2012: [...]
[...] Theatrum Mundi: Die verstummte Elite (19.1.12): ein Gastbeitrag von Julius Lerchenfeld. Die Finanzkrise ist nicht nur eine ökonomische Krise, eine Krise der Volkswirtschaften oder der Finanzmärkte oder der Währungen. Sie ist viel mehr. Die Finanzkrise ist eine intellektuelle Krise. Symbol des Versagens der ökonomischen Elite, die die Krise nicht zu kontrollieren, nicht zu beenden, eine entscheidende Lösung nicht zu nennen weiß. Die ihre Ratlosigkeit mit der Beispiellosigkeit der Krise zu begründen und zu entschuldigen versucht. [...]
Für alle gleichermaßen verzweifelten kann ich nur Joseph Vogl mit seinem Büchlein: “Das Gespenst des Kapitals” empfehlen, dass sich fast schon als Antwort auf die im Artikel formulierten Fragen lesen lässt.
Davon abgesehen kann ich dem Artikel nur zustimmen. Allerdings würde ich noch einen Schritt weitergehen: Es ist nicht nur das Versagen einer Elite oder Wissenschaft, es ist das Versagen eines ganzen Modus der Wirklichkeitsbeschreibung!
@Fridtjov Hansen
Ich muss Ihnen widersprechen. Ich denke nicht, dass es das Versagen eines wie Sie sagen “ganzen Modus der Wirklichkeitsbeschreibung” ist. Denn das Problem, um das es sich dreht, lässt sich nach meiner Einschätzung sehr wohl ökonomisch lösen. Und die ökonomische Elite und die Wissenschaft tragen die Hauptschuld daran, dass es soweit kommen konnte.
Deshalb gilt es dort zu kritisieren, damit sich auch dort etwas verändert. Der “ganze Modus der Wirklichkeitsbeschreibung” hört sich für mich dann doch etwas zu esoterisch an.
http://www.marketing-site.de/content/warum-glauben-so-viele-intellektuelle-der-kapitalismus-wuerde-uns-alle-zerstoeren;75763